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Offizielle Seite des Nähmaschinenwerkes Wittenberge

 

Bau der Wittenberger Nähmaschinenfabrik

Zuerst wird im Jahre 1903 der "Singerhafen" angelegt. Das Flußbett der Stepenitz wird um 5 km verkürzt und neu ausgebaggert. Schon im Juni 1903 lag die Genehmigung zum Bau einer 360 Meter langen Kaimauer an der Stepenitzmündung vor. Ihr Bau erfolgte im Jahre 1904, denn sie war Voraussetzung für die hier vorgesehenen Verladeeinrichtungen für den Umschlag von Bau- und Betriebsmaterialien für das neu zu schaffende Werk. Später wurde die Kaimauer auf 443 Meter erweitert. Im August 1903 war dem Bau des späteren Versandgebäudes am Singerhafen, verbunden mit einer Holzbearbeitungsabteilung, zugestimmt worden. 180 Werktätige sollten hier einmal Beschäftigung finden.

Am 25. September 1903 fand die Grundsteinlegung der Gießhalle für die projektierte Metallgießerei statt. Sie war für ca. 90 bis 100 Arbeitskräfte ausgelegt. Anfangs waren 50 Arbeiter hier tätig. Im Sommer 1904 erfolgte unter Leitung des Gießmeisters Henschel der erste Abstich. Ende Oktober begann der Aufbau eines Krafthauses, einschließlich eines 41 Meter hohen Schornsteines. Oberer lichter Durchmesser: 1,70 m. Die Baukosten: 28 000 Mark. Durch fünf Arbeitskräfte sollte damit die Energiezentrale für das Gesamtwerk betrieben werden. Ein zweistöckiges Maschinenfabrikgebäude, für ca. 180 Arbeitskräfte, wurde errichtet. Im Januar 1904 erfolgte der Bau eines Verwaltungsgebäudes und im Februar 1904 wurde die Genehmigung zur Aufstellung des ersten Kupolofens in der Gießerei erteilt. Am 02.03.1904 begann der Kläranlagenbau im Anschluß an die schon vorhandenen Gebäude. Das Handelsministerium erteilte der Firma Singer unter dem 08.04.1904 die staatliche Niederlassungskonzession in Preußen, so daß am 1. Juli 1904 schon mit der Montage der ersten Nähmaschinen aus Einzelteilen, die aus Clydebank bzw. aus dem Hamburger Werk angeliefert wurden, aufgenommen werden konnte.

In den Archivaufzeichnungen der Singer Corporation N.V. (USA) fanden wir eine Dokumentation, wonach der 1. Mai 1904 als das offizielle Datum der Eröffnung der Fabrik in Wittenberge angegeben wird. Es fand an diesem Tag eine offizielle interne Einweihungsfeier statt.

Die deutsche Generaldirektion der Singer A.G. hatte ihren Sitz in Berlin, Kronenstraße 22 genommen. Von der Singer Verwaltung in Berlin wurde der gesamte Verkauf von Nähmaschinen gesteuert. 1920 gehörten zu ihrem Vorstand die Direktoren Hermann Behrmann, Reinhold Poppe und Herr E. Reinhart. Nach 1945 steuerte der DDR-Außenhandelsbetrieb "TextilCommerz", wiederum mit Sitz in Berlin, den Export der Nähmaschinen aus dem VEB Nähmaschinenwerk Wittenberge. Der Fabrik Wittenberge stand der "Works Manager" (Werkleiter) vor. Der erste Werkleiter (Works Manager) der Singer Nähmaschinenfabrik in Wittenberge war von 1903 bis 1914 Mister Philip F. W. Simon aus London/Großbritannien.

Für die Wittenberger Nähmaschinenfabrik wurde nun auch ein Anschlussgleis vom Bahnhof Wittenberge bis zum Singerhafen hergestellt. Das alles brachte Beschäftigung für viele Arbeitskräfte nach Wittenberge. Wiederholt gab es in den folgenden Jahren Schwierigkeiten mit der Benutzbarkeit des Singerhafens. Unter dem 30. Juni 1905 zum Beispiel schrieb der Werkleiter P. Simon an den Wittenberger Magistrat:

"...daß wir Schwierigkeiten mit dem Dampfer von Hamburg haben, da die Agenten, die Firma Hofmann & Roemer, behaupten, daß der Dampfer nicht bis an unsere Quaimauer schwimmen kann. Wir beziehen uns höflichst auf den Verkaufscontract des Grundstückes, worin Sie sich verpflichteten, den Wasserfahrweg in schiffbarem Zustand zu halten."

Von August bis Ende November 1905 wurden die notwendigen Ausbaggerungsarbeiten durchgeführt. Der Stadtgemeinde entstanden dafür anteilige Kosten in Höhe von 1.893,58 Mark. Als Ursache für die Versandung des Singerhafens wurde Treibsand aus der Stepenitz, der auch über den Herzschen Kanal angeschwemmt wurde, angegeben. Erneute Ausbaggerungen erfolgten 1906 und 1907 sowie 1909/10. Jedes mal hatte die Stadt ein Drittel bzw. die Hälfte der entstehenden Kosten zu tragen. Unter dem 21.11.1911 schloss die Stadtverwaltung mit dem Königlich Preußischen Eisenbahnfiskus, Eisenbahndirektion Magdeburg, einen Vertrag zwecks Verbreiterung der Durchfahrt für die Schifffahrt durch die Stepenitzbrücke. Ende 1931 mussten erneut 11.926 m³ Baggergut aus der Zufahrt zum Singerhafen entfernt werden.

Inzwischen waren, besonders seit dem Jahre 1907, weitere Produktionsgebäude im Singerwerk entstanden: das Schmiedegebäude, die spätere Stanzerei, das Öllager und auch das größte und längste Produktionsgebäude, allgemein als 07-Gebäude bekannt (Ausgeführt in Eisenbeton durch die Firma "Wayss & Freytag A. G. aus Hamburg. Schlüsselfertig hergestellt in 5 ½ Monaten. Bebaute Fläche 6.500 qm.). Im Juni 1907 hatte die Singer Nähmaschinenfabrik ca. 400 Beschäftigte. In der Stadt gab es bereits 1909 ein "Singer" Verkaufsgeschäft in der Bahnstraße 66, deren Leiter Karl Schuster war.

Die Wittenberger Nähmaschinenfabrik der amerikanischen Firma Singer stieß natürlich auf große Proteste seitens der zahlreichen deutschen Nähmaschinenhersteller, deren Produktionsmöglichkeiten damals viel geringer waren, was Stückzahl und Wert anbetraf. Singer war ein bedeutender Konkurrent auf dem Markt geworden. Insbesondere die weltweite Einführung der Ratenzahlung beim Kauf einer Nähmaschine, war letztendlich der Siegeszug der Singer Nähmaschinen in Deutschland. Die Abzahlungs-Wochenrate betrug 1,50 Reichsmark. Die schlechtesten Kundenkontos liefen 4-6 Jahre!

Im Frühjahr 1914, der Engländer Simon war im "Engländer-Lager" in Berlin-Ruhleben interniert, übernahm ein gewisser Nydegger als neuer Werkleiter, von 1914 bis 1917, die Singerfabrik in Wittenberge. Auf seine Anregung wurde in Wittenberge eine Werkmeisterschule eingerichtet, welche aus tüchtigen Arbeitern Werkmeister und Vorarbeiter heranbilden sollte. Bis 1913 wuchs die Beschäftigungszahl bei Singer auf ca. 2.000 an. Wöchentlich wurden bei Singer ca. 50.000,00 Mark an Löhnen und Gehältern gezahlt. Singer zahlte auch seinen Angestellten die Gehälter wöchentlich aus. Im Herbst 1917 wechselte der Werkleiter erneut, bis am 24. Mai 1919 der Saalfelder Willi Starcke als Leiter der Singer Nähmaschinenfabrik Wittenberge eingesetzt wurde.

Die Herstellung von Nähmaschinen der verschiedensten Typen in der Wittenberger Fabrik setzte das Vorhandensein dafür qualifizierter Facharbeiter voraus. In den Anfangsjahren kamen daher aus der Hamburger Singer-Niederlassung zahlreiche Fachleute aus den verschiedensten Ausbildungseinrichtungen nach Wittenberge, um hier die Fabrikation vorzubereiten und sicherzustellen. Dazu gehörte auch kaufmännisches Personal mit "Singer-Erfahrung". Später bildete man selbst Fachpersonal aus. In der Singerfabrik wurde den langjährig für die Firma tätigen Betriebsangehörigen hohe Aufmerksamkeit gewidmet, und das auch aus wohlbedachten betriebsfördernden Gründen. Als im April 1935 für die betriebliche Ehrung von Arbeitsjubilaren ein Uhrenanhänger gestiftet wurde, befanden sich in der Singerfabrik 3 Betriebsangehörige, die 40 Jahre oder länger in dieser Firma beschäftigt waren, 83 Betriebsangehörige mit 25jähriger und längerer Singer-Tätigkeit. Für 40jährige Tätigkeit bei Singer mit goldenem Singer-S-Anhänger, für 25jährige einen solchen in Silber.

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