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Offizielle Seite des Nähmaschinenwerkes Wittenberge

 

Die größte Nähmaschinenfabrik in Deutschland

Den 1. Weltkrieg überstand die Singer Nähmaschinenfabrik in Wittenberge, relativ unbeschadet, man verdiente sogar am Krieg. Man konnte sogar expandieren. Industrienähmaschinen für die Uniformen des deutschen Heeres wurden in Akkord produziert.

Die Beschäftigungszahlen hatten sich von 1914 bis 1922 in der Singerfabrik wie folgt entwickelt:

    1914:  1.872 Arbeiter, 138 Angestellte, 46 Verwaltungsangestellte
    1922:  2.022 Arbeiter, 204 Angestellte, 73 Verwaltungsangestellte

Als Singer Filialfabriken gehörten seit 1922 die Nadelfabrik Würselen und die Garnfabrik in Dülken zur Nähmaschinenfabrik in Wittenberge.

Im Jahre 1922 wurde sogar ein weiteres großes Fabrikationsgebäude, allgemein als 22-Gebäude bezeichnet, besonders für die Holzbearbeitung, auf dem Fabrikgelände fertiggestellt. Eine Holztrocknungsanlage erhielt die Fabrik 1923. Dieser Bau wurde 1960/61 zu einer neuen Werkküche umgebaut. Die auf diesem später 30 Meter hohen Gebäude montierten Leuchtbuchstaben, mit der Schriftzug "SINGER", hatten eine Höhe von 4 Metern. Die Buchstaben leuchteten der Reihe nach 3,2 Sekunden auf. Die ganze Schrift war dann 2,2 Sekunden sichtbar. Die Dunkelpause betrug 1,2 Sekunden. Sie waren des Abends weithin sichtbar. Die alte Kraftzentrale des Singerwerkes genügte schon bald den wachsenden Anforderungen nicht mehr. Umfangreiche Erneuerungs- und Erweiterungsarbeiten wurden eingeleitet. Im Mai 1922 war ein neuer, 62 Meter hoher Fabrikschornstein fertig, dessen oberer äußerer Durchmesser 2,70 m und der obere innere Durchmesser 2,30 m betrug, Baukosten 47.000,00 Mark. Bis zum 7. Juni 1922 waren an ihn bereits vier der sechs Kessel angeschlossen. Seit 1921 bis 1926 wurden 1 ¾ Millionen Mark für den Zugang an Gebäuden und Maschinen allein für die Modernisierung der Singer-Kraftzentrale aufgewendet.

Die Betriebsleitung verfolgte von Anfang an mit ihrer wöchentlichen Lohn- und Gehaltszahlung an alle Arbeiter und Angestellten das Ziel, das den Familien der Werksangehörigen zur Verfügung stehende Wirtschaftsgeld aus dem Arbeitsverdienst in wöchentlichen Raten bereitzustellen, um damit die Ausgaben über den ganzen Monat verteilt, gut einteilen zu können. Ab 1920 wurden Kartoffeln für die Beschäftigten vom Werk eingekauft, später auch Butter und Margarine. Damit wurden Beschaffungserleichterungen sowie günstige Großeinkaufspreise erzielt. Für die wichtigsten, an die Jahreszeit gebundenen Wirtschaftsausgaben in den Familien wurden Kartoffel- bzw. Kohlevorschüsse von der Firma gezahlt, die in Raten zu tilgen waren. Für die Frauen des Betriebes wurden bereits ab 1920 Nähabende eingeführt, in denen sie sich das Maschinenähen auf vom Betrieb zur Verfügung gestellten Nähmaschinen aneignen konnten, um so auch ihre schwierige wirtschaftliche Lage im Haushalt entlasten zu können. Aber Arbeitskämpfe und Streiks gab es trotzdem ständig. Im Dezember 1920 begann in der Nähmaschinenfabrik ein Vierteljahr dauernder Streik wegen Nichtzahlung der Wochenlöhne. Der erste Streik.

Im Dezember 1921 kam die Produktion im Singerwerk zum vollständigen Erliegen. Die Inflation erklomm ihren Höhepunkt. In den Inflationsmonaten 1922 erhielt jeder Arbeiter morgens nach der Arbeitsaufnahme einen Lohnabschlag für den Tag. In der Frühstückspause holten die Angehörigen schon das Geld ab und versuchten, es in Ware umzusetzen. Am Mittag wiederholte sich dieser Vorgang, um bei Öffnung der Läden sofort einkaufen zu können. Kurz vor Feierabend gab es dann die Schlusszahlung. Diese täglich dreimalige Lohnzahlungen blieben natürlich nicht ohne störende Auswirkungen auf den Betriebsablauf. Um diesen im Singerwerk jedoch möglichst störungsfrei zu sichern, und damit eine Basis für eine kontinuierliche Produktion und den daraus resultierenden Lohnzahlungen zu haben, führte Singer schon 1922 ein wertbeständiges Notgeld auf Dollarbasis ein, im Volksmund "Singerdollar" genannt. Die Singer AG verpflichtete sich, die zurückfließenden Scheine nach dem Tageskurs des amerikanischen Dollars am Einlösungstag einzulösen. Im November 1923 wurde dann im Deutschen Reich endlich die "Rentenmark" eingeführt, um die Kurse zu beruhigen. Die Rentenmark wirkte sich positiv aus und schon 1924 setzte erneut die Bautätigkeit in der Wittenberger Singerfabrik ein: ein großer Furnierschuppen wurde an der Bad Wilsnacker Straße errichtet, ein unterirdischer Tunnel zwischen dem 07-Gebäude und der Putzerei wurde angelegt, um den Teiletransport witterungsunabhängig zwischen den Fabrikationsabteilungen zu ermöglichen. Solche zweckmäßigen unterirdischen Gänge gab und gibt es mehrere im Nähmaschinenwerk.

1925 wurden zwei große Speisesäle und eine Werkküche gebaut. 1926 wurde Kurzarbeit auf zunächst 5, später auf 4 Arbeitstage eingeführt. 1927 entsprach die Werkleitung einer Bitte der Industrie- und Handelskammer betreffend Schenkung von 10.000,00 Mark an die Stadtverwaltung Wittenberge, um damit die durch Steuererhöhungen entstandenen Belastungen wenigstens teilweise von der Stadt und ihrer Bevölkerung abzuwenden.

Am 29. Oktober 1928 wurde das Richtfest für den neu entstehenden Singer-Wasserturm gefeiert. Der erste Spatenstich erfolgte im März 1928. Der Wasserturm, im Volksmund Uhrenturm genannt, wurde zu einem neuen Wahrzeichen der Stadt Wittenberge. Mit seiner Höhe von 49,40 m und einer Breite von 11,30 m war er auch eine Bereicherung der Wittenberger Silhouette. Nach einem Entwurf von Architekt Felix Ascher wurde er durch die Hamburger Firma Paul Thiele AG in Stahlbeton-Skelettbauweise ausgeführt, erhielt oben ein Wasserbecken mit 385 m³ Nutzinhalt. Die Turmuhr hat ein Zifferblatt von 7,57 m Durchmesser. Die Zeigerlängen betragen 3,30 m bzw. 2,25 m. Die Ziffernhöhe ist ein Meter. Damals und heute noch, die größte freistehende Turmuhr in Deutschland. Seit dem 01.05.1994 ist die Turmuhr mit einem funkgesteuerten Uhrwerk ausgerüstet.

Am 1. Dezember 1928 kam es in der SINGER Nähmaschinenfabrik zu Massenentlassungen und im Januar 1929 erschien die erste Ausgabe der Werkzeitung "Singer Werkfreund". Inhalt, die Vorstellung der neuesten Nähmaschine - Modell SINGER Salontisch Nr. 306 mit Stichgeschwindigkeitsregelung, elektrischem Antrieb und SINGER Nählicht. Mit dem Jahre 1929 begann die Weltwirtschaftskrise (1929-1931) auch auf das Nähmaschinenwerk zu wirken. Die Produktion wurde gedrosselt und Kurzarbeit eingeführt. Am 31.12.1930 hat die SINGER Nähmaschinenfabrik AG nur noch ca. 1.000 Beschäftigte und am 1. Mai 1931 wurden weitere 400 Beschäftigte entlassen. Allein in der Schraubenabteilung wurde die Belegschaft von 200 auf 16 Personen reduziert. Man erwägte zur Zwei-Tage-Arbeitswoche überzugehen.

Im Jahre 1931 waren 138.000 Nähmaschinen in der Wittenberger Fabrik, Lagerbestand!  Bis 1932 waren bei Singer die Akkordlöhne um 24%, die Gehälter um 25% gesunken. In Wittenberge war zum Jahresende 1932 jeder vierte Einwohner arbeitslos. Die katastrophale Lage der Wittenberger Arbeiter führte in diesen Jahren zu zahlreichen Protesten, Demonstrationen und Streiks.

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