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Offizielle Seite des Nähmaschinenwerkes Wittenberge

 

Die Betriebsentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg

Am 3. Mai 1945 war für den Nähmaschinenwerker in Wittenberge der Zweite Weltkrieg beendet. Die Nähmaschinenfabrik hatte den Krieg relativ unbeschadet überstanden, lediglich das Furnierlager, direkt an der Bad Wilsnacker Straße gelegen, später liegt hier der Garagenhof, war infolge des Luftangriffes vom 18. April 1944 ausversehen ausgebrannt. Britische und amerikanische Bomberpiloten, hatten den strikten Befehl, Eigentum, das sich in amerikanischem Besitz befindet, nicht zu bombardieren! Auch die Singer-Werkleitung hatte den 2. Weltkrieg ohne nennenswerte persönliche Verluste gut überstanden und steuerte das Schiff auf gleichem amerikanischen Kurs weiter. Willi Starcke, nach wie vor Werkleiter der Nähmaschinenfabrik, sein Stellvertreter und Schwiegersohn Dr. Walter Melle, August Thiemer, August Menzel und auch Rudolf Segebarth kämpften vehement, im Auftrage der Singer Nähmaschinen Aktiengesellschaft Deutschland, gegen die sowjetische Vereinnahmung der Fabrik und für eine baldige Wiederaufnahme der Produktion.

Die Singer-Fabrik wurde, unter dem Kommando des sowjetischen Oberstleutnants Kallistratow, am 8. Mai 1945 von der Roten Armee besetzt. Das unbewegliche Singer Eigentum wurde auf 11.360.000,00 Reichsmark geschätzt und entsprechend den Alliierten Verträgen begann dann am 15. Juni 1945 "eine" Demontage der Nähmaschinenfabrik. Die richtige Demontage sollte erst 1991 erfolgen!

Die Singer-Fabrik wurde auf Grundlage des Beschlusses des GKO (Staatliches Verteidigungskomitee) Nr. 9087 vom 20. Juni 1945 demontiert. Die Höchstzahl der Beschäftigten betrug zu dieser Zeit 2.420 Personen (wahrscheinlich mit Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen). Demontiert wurden 4.992 Maschinen, darunter 3.960 metallverarbeitende, mit einem Gesamtgewicht von 13.600 Tonnen, die in 1.050 Güterwagen abtransportiert wurden. Zielort: Mechanische Werke Podolsk bei Moskau - eine ehemalige US-Singer Nähmaschinenfabrik.

Kurz nach der Befehlserteilung zur Demontage des Wittenberger Werkes zelebrierte der Singer Chef, Sir Douglas Alexander (1864-1949), Singer Präsident von 1905 bis 1949, ein mächtiges Tohuwabohu gegen die sowjetische Besatzungsmacht und ihrer Befehlserteilung. Sir Alexander erklärte, dass die Abmachungen im Potsdamer Abkommen nicht auf die Wittenberger Fabrik angewendet werden können, da dieses Werk der amerikanischen Nation gehöre! Sir Alexander hatte teilweise Erfolg, es blieb ein amerikanischer Betrieb und um den moralischen Anschein vor der Weltöffentlichkeit zu wahren, durften die Russen das Werk in Wittenberge demontieren. Auf den Maschinenpark in der Wittenberger Fabrik, dieser war durch die Kriegsproduktion mächtig verschlissen, legte die amerikanische Singergesellschaft keinen großen Wert. Man versprach sogar eine Ausgleichszahlung, in "Gold-Dollars", an die Amerikaner zu zahlen. Darüber hinaus kam ein U.S.-Britisches Abkommen zustande, wonach der deutschen Singergesellschaft als Ausgleich ein "Service" in der britischen Zone in Aussicht gestellt wurde.

Am 9. November 1945 wandte sich Karl Rußbüldt, ehemals Oberingenieur in der Singer-Fabrik und Leiter dessen Gießereibetriebes, an den Wittenberger Oberbürgermeister. Im Zusammenhang mit der in Aussicht genommenen Wiederinbetriebsetzung der Gießerei äußerte er dabei u.a.:

"...Die Weiterführung unseres Firmennamens (Singer) muß daher als zulässig und einwandfrei angesehen werden..."

Das fand selbstverständlich nicht die Billigung der Besatzungsmacht. Unter dem 11. Dezember 1945 richtete die Sowjetische Militär-Administration (SMA) in der Provinz Brandenburg aber ein Schreiben an den sowjetischen Stadtkommandanten in Wittenberge, in dem befohlen wurde:

"Zur Sicherung der störungsfreien Arbeit des Eisenbahntransportes und der Versorgung der Reparaturwerkstätten mit Ersatzteilen ist es notwendig, daß Sie Vertreter der Firma Singer zur Besichtigung und Ingangsetzung der Eisengießerei in der Singerfabrik zulassen."

Auf diesem Schreiben vermerkte der Wittenberger Stadtkommandant handschriftlich:

"Ich genehmige die Ingangsetzung der Gußerzeugung."
      14.12.45                              gez. Leniwyi"

Neben den mühsamen Vorarbeiten dazu ging die Demontage in der Singer-Fabrik weiter. Am 18.01.1946 wurde zusätzlich die Demontage sämtlicher Kraft- und Lichtleitungen angeordnet. Der gesamte Demontageprozess wurde erst am 15. März 1946 beendet. Im Juni 1946 erfolgte ein Abbau der Belegschaft in der Singer-Fabrik. Alle dafür bisher eingesetzten Arbeitskräfte mussten nun die Demontage im örtlichen Zellwollewerk durchführen. Für die Aufnahme der Arbeit in der Gießerei trat eine Verzögerung ein. Die ersten zehn Facharbeiter für die Gießerei waren dann am 12.07.1946 eingestellt worden, um die Voraussetzungen für eine Gießereiproduktion zu schaffen.

Die ehemalige Singer Nähmaschinenfabrik wurde laut Mitteilung der SMA der Provinz Brandenburg vom 3. April 1946 auf Grund des Befehls Nr. 124 der SMAD vom 30.10.1945 beschlagnahmt. Die Singer Werkleitung durfte nach der Beschlagnahmung ihr Gelände ohne Genehmigung nicht mehr betreten und verlegte daher ihr Hauptquartier in die ehemalige Singer Filiale, Bahnstraße 79, ebenfalls dort ihren Sitz hatte der Treuhänder der Stadt, Ernst Kalwa und die Singer Liegenschaftsverwaltung.

Leiter des neugeschaffenen Betriebes "Gießerei und Maschinenfabrik Wittenberge" auf dem Gelände der "Singer Nähmaschinenfabrik AG" wurde Karl Rußbüldt. Die Betriebsbelegschaft in der "Gießerei und Maschinenfabrik Wittenberge" bestand aus 51 Formern, Kernmachern und Gießern. Ihr Produktionsprogramm umfasste zunächst täglich 4,8 Tonnen Gußteile für Landmaschinen und die eisernen "Kurmark-Öfen" (in der Bevölkerung nur "Singeröfen" genannt). Dann erfolgte eine Produktionserweiterung um Pumpenteile, Schraubstöcke, Baubeschläge u.a. Ende des Jahres 1946 wurden hiermit 382 Werktätige beschäftigt. Viele der Arbeiter brachten Werkzeuge von zu Hause mit, um überhaupt arbeiten zu können. Erschwert wurde die Arbeit durch die allgemein schlechte Ernährungslage für die gesamte Stadtbevölkerung. Aber schon 1946 wurde eine Werkküche im Keller des Verwaltungsgebäudes eingerichtet. Die Zahl der Essenteilnehmer betrug zunächst 30.

Rückwirkend zum 01.07.1947 wurde die Gießerei- und Maschinenfabrik Wittenberge ein sogenannter "volkseigener" Betrieb. Das Werk in Wittenberge wurde aber der US Singer-Company, entsprechend den Alliierten Verträgen, nie enteignet. Wir zahlten bis in die 1990er Jahre jährlich eine horrende Miete in Westdevisen an den Singer-Konzern!

Nach Einrichtung einer Modelltischlerei erfolgte am 11.12.1946 auch die behelfsmäßige Inbetriebnahme einer Holzbearbeitungs-Abteilung. Je 3.000 Hocker und Nachtschränkchen für die Rote Armee wurden als erstes produziert, später konnten dann recht einfache Schlafzimmer- und Küchenmöbel für die Bevölkerung hergestellt werden. Alle Erzeugnisse wurden auf einer Industrie-Ausstellung in Wittenberge ausgestellt.

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