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Offizielle Seite des Nähmaschinenwerkes Wittenberge

 

11.09.2003

Die Legende von "Miss VERITAS"

Jugendklub wagte 1988 seine spektakulärste Veranstaltung

Wittenberge Selbst nach so vielen Jahren ist die Wahl der "Miss VERITAS" für Lothar Wuttke ein Ereignis ohnegleichen. Damals, 1988, war er Leiter des Jugendklubs "VERITAS" in Wittenberge, von dem er noch heute sagt, dieser sei einer der innovativsten und progressivsten in der DDR gewesen. So waren die Wittenberger die ersten mit einer Mitternachtsdisko.

Ende der 80er Jahre wurde die Republik auch vom Fieber der Miss-Wahlen erfasst. Berlin musste natürlich wie immer den Vorreiter spielen. Es wird wohl 1987 gewesen sein, als dort eine "Miss Frühling" gekürt wurde, erinnert sich Lothar Wuttke. Vielleicht hätte man schneller als die Berliner sein können, resümiert er heute. Der Druck wäre jedoch noch größer gewesen. Zudem wollte Lothar Wuttke keine Allerwelts-Miss-Wahl. Ihm schwebte eine gut vorbereitete, niveauvolle Veranstaltung vor. Mit Hans-Joachim Böse von der Konzert- und Gastspieldirektion in Schwerin wurde vereinbart, dass er ein richtiges Drehbuch für die Miss-Wahl schreibt.

"Der Name sollte etwas mit Wittenberge und Veritas zu tun haben", erzählt Lothar Wuttke. Nichts mit Frühling oder Herbst. Doch bei "VERITAS" gab es Widerstand aus dem Nähmaschinenwerk; vor allem dem Bereich Außenhandel sei die Verbindung des Produktnamens mit einer Miss-Wahl suspekt gewesen. Zu den Legenden zählt nach Lothar Wuttke, dass bei der zweiten Miss-Wahl 1999 der Name "VERITAS" nicht verwendet werden durfte und deshalb eine "Miss Wittenberge" gewählt werden musste. Das internationale Amt für Warenzeichen in Madrid hatte sich angeblich eingeschaltet. "Dies ist völliger Quatsch", sagt Lothar Wuttke. Man habe sich damit vielmehr bei der Stadt bedanken wollen, die bereits 1988 erklärt hatte, sie würde ihren Namen zur Verfügung stellen, wenn der Betrieb einen Rückzieher mache.

Schon vor dem 10. September, einem Sonnabend, war die Miss-Wahl Stadtgespräch. Die Betriebszeitung "Werk und Welt" hatte die letzte Seite als Plakat gestaltet, mit dem für die Veranstaltung geworben wurde. Erst sollten nur Veritas-Mitarbeiterinnen starten dürfen, dann reichte es, wenn die Bewerberin versicherte, zu Hause eine Veritas-Nähmaschine zu haben. 16 junge Damen meldeten sich, zwölf präsentierten sich am 10. September in zwei Durchgängen – in Kleidung eigener Wahl sowie in "Bademode".

Schon der Eintrittspreis von 25 Mark war sensationell. So teuer waren nicht mal die Karten in der Berliner Staatsoper, berichtet Lothar Wuttke. Fast 350 Leute füllten den Saal und ebenso viele umlagerten den Veritasklub. Die, die draußen bleiben mussten, brachten sich Decken und Getränke mit und hofften, durch einen aufgezogenen Vorhang in den Saal spähen zu können. Drinnen ging es nobel zu. Nur Rotkäppchen-Sekt wurde ausgeschenkt. Diesen zu bekommen sei schon ein Kraftakt gewesen, erzählt Lothar Wuttke. Blumen standen auf den Tischen, Akrobaten, ein Feuerschlucker und Schaufrisieren unterhielten das Publikum.

Als um Mitternacht Karin Lutz als "Miss VERITAS" ausgerufen wurde, brach lauter Jubel los. Die ansonsten sehr selbstbewusste Sekretärin aus dem Ausbesserungswerk – sie gehörte zur Ballettgruppe des Arbeitervarietés – musste um Haltung ringen. Schließlich wurden die Mitglieder des Veritasklubs auf die Bühne gerufen und gefeiert. Im Überschwang flogen die Blumensträuße von den Tischen auf die Bühne. Lothar Wuttke meint heute, wenn die Veranstaltung schief gegangen wäre, hätte der Klub dicht machen können. So aber gab es eine Prämie von Betriebsleiter Klaus Völzer. Während die "Miss" am Montagmorgen wieder ihrer gewohnten Arbeit nachging, war die Veranstaltung noch lange Stadtgespräch, insbesondere die 1000 Mark Preisgeld – mehr als ein üblicher Monatsverdienst.

Text: Michael Beeskow

Nach oben  Medien, Märkische Allgemeine Zeitung, 11.09.2003

Adaptation: Susanne Salender

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