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Offizielle Seite des Nähmaschinenwerkes Wittenberge

 

01.12.2003

Ein guter Jahrgang - und Promis gratulieren

Die Nähmaschinenfabrik in Wittenberge wäre in diesem Jahr 100 geworden. 1903 errichtete Singer in der Elbe-Stadt in Brandenburg eine Produktionsstätte. Bis 1991 wurden hier Haushaltsnäher hergestellt - ab 1945 unter dem Namen VEB Nähmaschinenwerk Wittenberge die Marken VERITAS und Naumann. Der rührige Veritasklub, eine Vereinigung der Ehemaligen, hält die Erinnerung wach.

Was haben der große Schauspieler Johannes Heesters und die Box-Legende Max Schmeling gemeinsam? Der Erstgenannte erblickte 1903 das Licht der Welt und ist damit derselbe Jahrgang wie das Nähmaschinenwerk in Wittenberge. Schmeling bringt es dagegen auf "nur" 98 Jahren, aber er trat mit Boxershorts in den Ring, die mit Qualitätssiegel "Made in Brandenburg" genäht wurden. Beide schickten Glückwünsche nach Wittenberge. Andere Promis schlossen sich an.
  Max Schmeling, Box-Weltmeister aller Klassen von 1930 bis 1932, erinnert sich: "Oft habe ich im Zug von Berlin nach Hamburg den großen Uhrenturm der Werkshallen gesehen." Er bedauert, nie einen Abstecher nach Wittenberge unternommen zu haben. Aber das lässt sich ja nachholen. In einem Interview zu seinem 98. Wiegenfest Ende September d.J. verriet er: "Ich will mindestens 100 Jahre alt werden."
  Bald heißt es auch im Domizil von Johannes Heesters: "Prost". Stichtag ist der 5. Dezember. Wie eh und je humorvoll - wie wir ihn aus seinen großen Filmen sowie Shows kennen -, schreibt er: "Wir arbeiten beide noch!! Ich auf der Bühne, und du, liebe Nähmaschine, in den Haushalten und in den Schneidereien!"
  Wie wahr. Aus der Stadt Wittenberge wurden jahrzehntelang Singer-Haushaltsnähmaschinen in alle Teile der Welt exportiert. Es war das einzige Singer-Haushaltsnähmaschinenwerk in Deutschland und das größte in Europa. Auch zu DDR-Zeiten "stichelte" der Markenname VERITAS unter VEB-Flagge erfolgreich, ja, galt sogar als ein echter Verkaufsschlager. Was dem Vater der Trabant, war der Mutter ihre VERITAS, so hieß es damals. Insider erinnern sich, dass der Quelle-Versandhandel unter dem Namen Privileg auch VERITAS-Nähmaschinen verkauft hat. Nach der Wende riss der Erfolgsfaden 1991 abrupt ab. Für immer schlossen sich die Werkstore. Schade.

Stars und Singer

Es stimmt, die IG Metall ist noch immer traurig, dass es "trotz umfangreichen Versuche und zahlreiche guter Ideen nicht gelungen ist, die Tradition Wittenberges als 'Stadt der Nähmaschinen' fortzuschreiben", äußert sich der jetzige Gewerkschaftsboss, Jürgen Peters, in seinem Grußwort.
  Nun hält nur noch der VERITASKLUB die Fahnen hoch, ein aktiver Zusammenschluss aus ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sehenswert ist der Internetauftritt unter www.veritaslounge.de.vu/. Dort sind unter anderem die Grußschreiben der Promis anlässlich des Jubiläums mit einem Klick zugänglich. Ein Blick lohnt sich. Die lange Liste ist erstaunlich. Wer hätte das gedacht: Etliche Promis, Stars und Sternchen verbinden viele Anekdoten mit "ihren" Nähmaschinen aus Wittenberge.
  Zum Beispiel Klausjürgen Wussow, oberster Weißkittel-Träger der in den 80er-Jahren beliebten TV-Serie "Schwarzwaldklinik", plaudert über seine ersten Theaterschritte. "Ich erinnere mich gerne an die Zeit, als unsere Bühnenkostüme in den Häusern Waren und Malchin auf der Singer-Nähmaschine gefertigt wurden."
  Schlagersängerin Mary Ross verbindet mit dem Namen Singer ein Stück Kindheit, schließlich nähte und verbesserte Mama Roos das Kinderoutfit zu Hause auf einer Singer. Dagegen stellen sich bei Nina Hagen die Nackenhaare hoch, wenn sie nur das Wort Nähmaschine hört. "Als meine Tochter Cosma noch klein war, stach plötzlich die Nadel der Nähmaschine durch ihren Zeigefinger... es war einer der schrecklichsten Momente in meinem Leben." Später war alles nur noch halb so schlimm, Wunde verheilt. Die Sängerin schlägt vor: "Ein neues verfassungsverankertes Gesetz zu schaffen, Nähmaschinen nie unbeaufsichtigt zu lassen."

"Mein schönstes Weihnachtsgeschenk..."

Das Bekenntnis der Schauspielerin Maren Gilzer (Glücksradfee) überrascht da kaum noch: "Als ich elf Jahre alt war, wünschte ich mir eine Spielzeug-Nähmaschine zu Weihnachten. Die große Überraschung: Ich bekam eine echte Singer! Es war mein schönstes Weihnachtsgeschenk, das ich je als Kind bekommen hatte!" Jens Weißflog, der große Skispringer, gesteht ein, nicht gerade ein Überflieger im Schulfach Nadelarbeit gewesen zu sein. Während seiner Wettkampfreisen wünschte sich der Star aber oft Muttis Singer ins Hotelzimmer, um geplatzte Nähte an seiner Sportbekleidung zu flicken. "Mir blieb nichts anderes übrig, als zu Nadel und Faden zu greifen. Die Erfindung der Nähmaschine ist wirklich ein Segen." Hört, Hört!
  Beachtliche Erfolge hatte das Werk in Wittenberge auf dem europäischen Markt nach dem Zweiten Weltkrieg. 7.643.872 Nähmaschinen, darunter die legendäre Modelle 8014/29, 8014/43 und die Columba, verließen die Werkshallen. "Anlässlich des 100. Jahrestages möchte ich darauf hinweisen, wie groß die Bedeutung Ihres Unternehmens für die DDR war", schreibt PDS-Politikerin Sahra Wagenknecht an den VERITASKLUB.
  In Dresden nahm übrigens alles seinen Anfang. Nähmaschinenfabrikant August Clemens Müller ließ sich am 1. Oktober 1894 den Namen "Veritas" (lateinisch für Wahrheit) für seine neu entwickelte Maschine patentieren. Ob der bekennende Weinliebhaber sich mehr von dem lateinischen Spruch "in vino veritas" inspirieren ließ? Wir wissen es nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging sein Unternehmen in Staatshand über. 1951 erfolgte in der DDR die Produktionsverlegung der Fabriken Clemens Müller Werke sowie Seidel & Naumann nach Wittenberge. Vier Jahrzehnte später verschwindet VERITAS in der undurchsichtigen Welt des Finanzkapitals.

Keine Schlagzeile zum Start

1903: Die Brüder Wright eroberten mit ihrem Pionierflug am 17. Dezember die Lüfte. Zum ersten Mal wurde die Tour de France ausgetragen. Und das Singer Nähmaschinenwerk feierte in Wittenberge seine Eröffnung - allerdings ohne Schlagzeilen in der Weltpresse. Sei es drum. Trotzdem, ein kleiner Schritt mit großer Bedeutung, findet Fernsehhistoriker Professor Guido Knopp. "Die vielen Singer-Nähmaschinen verkörpern sicherlich genauso einen großen Fortschritt und ein Stück Unabhängigkeit für diejenigen, die stolze Besitzer eines solchen mechanischen Meisterstückes waren." Auch PDS-Promi Gregor Gysi greift in die Schublade der Geschichte, schreibt über eine "Arbeitserleichterung für Frauen". Hatten die Erfinder vielleicht schon die Gleichberechtigung und Gleichstellung im Blick? Wohl kaum.
  Angela Merkel, Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, verwendet in ihrem Schreiben sogar ein Zitat von Mahatma Gandhi, der die Singer-Nähmaschine als "eines der wenigen nützlichen Dinge, die jemals erfunden wurden", bezeichnet. Besonders lobt sie das Engagement des VERITASKLUBS, der "das kulturelle Erbe des ehemaligen Singer/Veritas-Nähmaschinenwerkes in Wittenberge pflegt und den Jugendlichen im Raum Wittenberge wie auch bereits vor der Wende attraktive kulturelle Angebote macht."
  Lobende Worte kommen unter anderem auch aus der Feder der Nähmaschinen-Konkurrenz. Bernina-Chef Hanspeter Ueltschi meint: "Ich finde es großartig, dass Sie den Teil der allgemeinen Nähmaschinen-Geschichte aktuell halten und entsprechend Aktivitäten durchführen." Auch Manfred Stolpe, ehemaliger Ministerpräsident des Landes Brandenburgs, schreibt. "Gegen die Vergesslichkeit der Zeit pflegen Sie die Werte der Tradition und halten in Erinnerung, welche außerordentliche Industrieleistungen von Ihnen in der Prignitz erbracht worden sind."

Eine neue Veritas in Sicht

Und die Profi-Näher? Glückwünsche auch von ihnen. Aus Potsdam flatterte Post von Modeschöpfer Wolfgang Joop ins Haus. Ein Loblied auf die gute alte Nähmaschine: "'Go back to your Singer', sagte ich manchem Jung-Designer, der zum großen Sprung ansetzen wollte", schreibt er. Was wohl so viel heißen soll wie "Kreiert tragbare, machbare Mode!" Designerin Jil Sander, die nach dreijähriger Pause wieder eigene Kreationen entwirft, findet die Tätigkeiten des Klubs "sehr interessant".
  Die letzte "Famula" verließ 1991 in Wittenberge das Band. Aber vielleicht tragen ja schon bald wieder Haushaltsnähmaschinen den Schriftzug Veritas. Dann ginge ein Herzenswunsch der ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Erfüllung. Die ersten Schritte in diese Richtung sind gemacht. Vor kurzem überreichte Nähmaschinen-Kaufmann Peter Fischer aus Heilbronn dem Wittenberger Museum einen Veritas-Prototyp. Ein denkwürdiger Augenblick, den die örtliche Presse in unzähligen Artikeln festhielt. Fischer will 4000 dieser Modelle in China produzieren lassen. Die Maschinen sollen zu VK-Preisen "von 130 bis 999 Euro" in die Läden kommen, heißt es dazu. Das wäre ein schönes Geburtstagsgeschenk, finden alle Ehemaligen, die sich den Worten Johannes Heesters zum Geburtstag anschließen: "1903 muss ein guter Jahrgang gewesen sein!"

Text: Peter Tönnishoff [Chefredakteur]

Nach oben  Medien, Die Nähmaschinen-Zeitung, 01.12.2003

Adaptation: Kathrin Raasch

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