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Offizielle Seite des Nähmaschinenwerkes Wittenberge

 

24.03.2004

Von Ost Nach West:
Ein liquidiertes Werk feiert 100. Geburtstag

Die "Nähmaschinenwerker" von Wittenberge haben ihr Produkt Veritas im Museum verewigt.

Wien In Wittenberge, auf halbem Weg zwischen Berlin und Hamburg, wurde der 100-jährige Bestand einer Fabrik gefeiert, die gar nicht mehr besteht: Das Nähmaschinenwerk Veritas, einst ein Vorzeigeunternehmen der DDR, ist seit 1991 liquidiert. "Singer und Veritas, Mythos und Legende, Nähmaschinen in Vollendung, in weiblicher Vollendung", steht auf der Website zu lesen, die ebenso weiter betrieben wird wie das erst 1999 gegründete Nähmaschinenmuseum. Die Stadt wird infolge der Abwanderung "rückgebaut", was aber der Verehrung für die Nähmaschine keinen Abbruch tut: "Eine Inkarnation aus Lady, Engel, Vamp, Femme Fatale und Schlampe; denn auch sie konnte nicht kochen und war käuflich."

Singer und Veritas sind gewichtige Teilhaber der Geschichte der Nähmaschine. Diese hat mit dem aus Kufstein stammenden Schneidermeister Joseph Madersperger begonnen, der aber sein Patent nicht kommerziell nutzen konnte und 1850 im Armenhaus starb. Reich wurden zwei Bostoner Mechaniker, der geniale Elias Howe und der geschäftstüchtige Isaac Singer (der laut Gerichtsurteil wöchentlich 4000 Dollar Patentgebühr an Howe zahlen musste). Die von Singer 1851 gegründete Firma ist seit 1991 börsenotiert.

Auch in Deutschland gab es einen Nähmaschinenboom, fast genau 100 Jahre lang, von 1880 bis 1980. Mehr als 200 deutsche Firmen beschäftigten sich mit dem Bau von Nähmaschinen, unter ihnen Adler, der Vor-Auto-Zweig von Opel, Phoenix und Veritas. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten sich auch Messerschmitt oder Zündapp auf diesem Markt. Als Fernost-Importe nach Europa drängten, brach der Preiskrieg los. Bis zur Vereinigung waren alle westdeutschen Fabriken geschlossen - außer der Pfaff AG, die 1993 von Singer übernommen und 1999 in die Insolvenz geschickt wurde.

Veritas produzierte nach Singer-Plänen, aber eigenständig. Der "Volkseigene Betrieb" wurde üppig mit Geld versorgt und wuchs zu Europas modernstem Nähmaschinenwerk.

Dann kam die "sogenannte Wiedervereinigung", formulieren die DDR-Nostalgiker ihre Version des Niedergangs: "Undurchsichtige weltweite politische und wirtschaftliche Machenschaften beendeten die langjährige Tradition Wittenberges als ,Stadt der Nähmaschinen' in Europa." Zu Silvester 1991 "erfolgte gemäß den Gesetzen der Marktwirtschaft die Liquidation". 7.643.872 Nähmaschinen seien nach 1945 produziert worden. Das Erfolgsrezept sei Qualität gewesen, "eine Eigenschaft, die es in der ,freien' Marktwirtschaft nicht geben darf."

Text: Peter Martos

Nach oben  Medien, Die Presse, 24.03.2004

Adaptation: Andreas Coppeé

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