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Offizielle Seite des Nähmaschinenwerkes Wittenberge

 

13.07.2007

Die Nähmaschinen aus dem Baukasten

Veritasklub forscht zur Geschichte des alten Werkes

Wer in Wittenberge wissen will, was im wahrsten Sinne des Wortes die Stunde geschlagen hat, der kann auf einem ganz berühmten Zeitmesser nachsehen.

WITTENBERGE - Dank des ehemaligen Nähmaschinenwerkes verfügt die Stadt nämlich über die größte freistehende Turmuhr in Deutschland und auf dem europäischen Festland. So sagt es der Veritasklub. Und seine Mitglieder müssen es eigentlich ganz genau wissen, verfolgen sie in ihrem Verein doch mit Ehrgeiz das Ziel, die Erinnerungen an das Werk wach zu halten, die Historie aufzuarbeiten und für die Zukunft die Betriebsgeschichte zu bewahren.

Dazu gehört auch, sagt Lothar Wuttke, über viele Jahre engagierter und einfallsreicher Chef des Veritas-Klubhauses, tiefgründig zu Fakten nachzuforschen und den einen oder anderen Irrtum auszuräumen. "Das Erstaunlichste unserer jüngsten Recherchen und Nachforschungen: Das Werk wurde in seiner sozialistischen Ära niemals dem amerikanischen Singer-Konzern enteignet."

Bis 1945 produzierte die Singer-Nähmaschinenfabrik, die am 1. Mai 1904 den Betrieb aufnahm, zirka 6,5 Millionen Haushalts-, Kinder-, Industrie-, Spezial- und Gewerbenähmaschinen. Nach dem 2. Weltkrieg wurden genau 7.650.877 Millionen Nähmaschinen im Wittenberger Werk gefertigt, vermeldet der Klub und er ist überzeugt, "der VEB Nähmaschinenwerk hier in der Stadt avancierte unter anderem mit den Markennamen "VERITAS" und "Naumann" "in den 80er Jahren zur modernsten Nähmaschinenfabrik der Welt". "Nur das Werk in Podolsk (SU) produzierte mehr Nähmaschinen als wir und war damit weltführend", stellen die ehemaligen Nähmaschinenwerker fest.

Schon in den 30er Jahren stand Singer für die modernste und leistungsfähigste Fabrik ihrer Art in Deutschland.

VERITAS aus Dresden geholt

Interessant sei auch der Umstand, dass der Chefkonstrukteur Georg Rummert 1956 mit seinem Baukastensystem für Nähmaschinen die Produktion und das Design quasi revolutionierte. "Diese Erfindung brachte dem Betrieb internationale Anerkennung." Georg Rummert, geboren in Blankenburg und seit 1950 Nähmaschinenwerker, verbringt heute nach Wissen der Klubmitglieder seinen wohlverdienten Ruhestand in der Prignitz.

"Urautor" des Markennamens VERITAS war der Dresdner Nähmaschinenfabrikant Clemens Müller. Die Rechte auf das Warenzeichen bzw. den Markenname gingen am 2. Oktober 1955 auf den VEB Nähmaschinenwerk Wittenberge über. Müllers Nachfahren sollen noch im Raum Dresden leben. Der Leiter des Veritasklubs weiß, dass "der Markenname VERITAS, lateinisches Wort für Wahrheit, heute begehrt ist unter den Herstellern von Nähmaschinen. Derzeit befinde er sich im Besitz der schweizerischen Bernina AG."

Die erste Misswahl in der DDR

Der Jugendklub des Nähmaschinenwerkes war erfolgreich sowie innovativ und hatte sich damit in der DDR einen Namen gemacht. Als einer der ersten Klubs in der DDR veranstaltete er beispielsweise eine Misswahl.

Mit dem 2. Januar 1990 begann im Nähmaschinenwerk schon die so genannte Abwicklung des Gesamtbetriebes. Der Veritasklub stellt fest: Die Demontage des Betriebes 1990 war gründlicher, als die der sowjetischen Besatzungsmacht nach dem 2. Weltkrieg."

Am 23. Oktober 1991 habe dann der Vizepräsident der Treuhandanstalt (THA), Hero Brahms, gegenüber dem Nähmaschinenwerk die Liquidation verkündet:

"… durch den Leitungsausschuß der THA wurde die Nähmaschinenwerk Wittenberge GmbH als nicht sanierungsfähig- und würdig eingestuft. Auf dieser Grundlage ergibt sich die Notwendigkeit, die Abwicklung der Nähmaschinenwerk Wittenberge GmbH einzuleiten …"

Am 20. Dezember 1991 lief symbolisch die letzte Haushaltsnähmaschine, eine "Famula 4681", vom Band. Damit was das endgültige "Aus" für die noch rund 800 Beschäftigten von einst über 3000 des Nähmaschinenwerkes besiegelt.

Oberstufenzentrum und 43 Firmen

Heute ist das Betriebsgelände zweigeteilt: Der Landkreis erwarb einen Teil der Immobilie, baute die Gebäude um und richtete hier das Oberstufenzentrum ein, in dem Hunderte junge Leute unterrichtet werden. Wo einst die Direktoren des Werkes ihr Büro hatten, sitzt heute Schulleiter Detlef Bork.

Der andere und weitaus größere Teil des alten Werksareals einschließlich des Uhrenturms ist in Privathand. Ein mittelständischer Unternehmer hatte nach der Wende große Pläne und scheiterte. Heute wird dieser Veritas-Park zwangsverwaltet. Vielfältig sind die Bemühungen, in den großen Fabrikgebäuden neue Firmen anzusiedeln. Der im Auftrag der Zwangsverwalter vor Ort agierende Ralf von Hagen beziffert die Zahl der Unternehmen mit Sitz im Veritas-Park auf 43 mit insgesamt rund 300 Beschäftigten. Zu den größeren gehört die GbR Schulz und Schulz sowie Salomo und Voß.

Text: Barbara Haak

Nach oben  Medien, Der Prignitzer, 13.07.2007

Adaptation: Nicolas Wendler

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