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Offizielle Seite des Nähmaschinenwerkes Wittenberge

 

25.11.2011

GESCHICHTE: Kollektives Entzücken

Siebter Band der Veritas-Edition zeigt viele Ehemalige / Nähmaschinengeschenk aus China

Wittenberge So wie sie da steht, kann sie nicht aus Wittenberge stammen. Niemals. Und doch trägt die zierliche, cremeweiße Nähmaschine den "Veritas"-Schriftzug auf dem Gehäuse, darunter die Kennung "2400". Wo gibt's denn so was?

Zur Vorstellung des siebten Bandes der Buchedition war Lothar Wuttke vom Veritasklub aus Berlin ins Wittenberger Bürgerzentrum gekommen. Der Bildband trägt den Titel "Kollektive" und zeigt die "Brigaden, Kollektive und Abteilungen" des einst größten Nähmaschinenwerks Europas.

Im "Wohnzimmer" des Bürgerzentrums saßen zur Buchpremiere vor allem ehemalige Betriebsangehörige, um die neueste Publikation in Augenschein zu nehmen. Doch Lothar Wuttke hatte nicht nur das Buch im Gepäck, sondern auch eine funkelnagelneue Nähmaschine Marke "Veritas", produziert 2011. "Wo wird die denn hergestellt?" wurde er bestürmt. "Na da, wo jetzt das meiste herkommt: in China", antwortete der einstige Wittenberger. Doch da die allermeisten Anwesenden in ihrem Leben mehr als nur eine Nähmaschine aus der Nähe gesehen hatten, konzentrierte sich das Interesse vor allem auf das Buch. "Ach guck mal, der Heinz" oder "Hier, das war bei der Brigadefeier" lauteten die Kommentare.

Das fröhliche Summen beim Durchblättern der auf hochwertigem Papier gedruckten Erinnerungen wurde jäh von einem Ausruf des Erstaunens unterbrochen: "Das bin ja ich", schrie Elke Muchow und deutete auf das Bild einer jungen Frau, die einen Streifen Indikatorpapier in die Höhe hielt. Das Foto erschien am 2. Februar 1974 im "Neuen Deutschland" dem einstigen Zentralorgan der SED und sollte das Jugendgesetz der DDR illustrieren, das zu dieser Zeit verabschiedet worden war. Elke Muchow zählte damals 26 Lenze und arbeitete im Labor der "Nähmaschine". Weil der Betrieb unter anderem eine eigene Gießerei unterhielt, mussten Laborwerte bestimmt werden.

Lothar Wuttke berichtete, wie es kommt, dass noch heute Nähmaschinen mit dem Veritas-Logo produziert werden. "Die Namensrechte wurden 1991 der Treuhand übertragen, die sie für einen Euro an die Firma Pfaff weitergegeben hat", erzählte Wuttke. Die wiederum meldete 1999 Insolvenz an, worauf die Rechte an der Marke Veritas an den Schweizer Hersteller Bernina gingen. Dessen Tochterfirma Crown Technics wiederum veräußerte den Namen an die Firma Fischer in Heilbronn, die ihrerseits den ehrwürdigen Namen Veritas als Handelsmarke fortführt. Produzieren lässt sie in einem Werk in der Nähe von Peking. Dessen Ausstoß an Nähmaschinen wirkt im Vergleich zum einstigen Europameister VEB Veritas mit einer Jahresproduktion von rund 430 000 Maschinen gigantisch: Laut Lothar Wuttke produzieren die Chinesen 14 Millionen Maschinen pro Jahr für Anbieter aller Marken. Ohne sein Geschenk an das Bürgerzentrum schmälern zu wollen, räumte Lothar Wuttke ein, "die Qualität ist natürlich nicht mit der unserer alten Veritas-Maschinen zu vergleichen. Die sind technisch einfach unerreicht, und das, obwohl sie in der sozialistischen Planwirtschaft hergestellt wurden", erklärte er. "Na, wir waren eben ein tolles Kollektiv." Die Anwesenden lächelten wissend.

Text: Andreas König

Nach oben  Medien, Märkische Allgemeine Zeitung, 25.11.2011

Adaptation: Henry Kannus

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