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Offizielle Seite des Nähmaschinenwerkes Wittenberge

 

19.07.2013

Der Big Ben von Wittenberge sucht einen Sponsor

Einer der größten Glockentürme Europas verkümmert auf ehemaligem Betriebsgelände der Singer-Nähmaschinenwerke

Wittenberge Gebäude wie der Prignitzer Uhrenturm sind in Europa rar. Einst überragte er ein großes DDR-Industriegelände. Seit Jahren wird nach einem Investor gesucht, der endlich etwas mit dem Turm und der Fabrik anfängt.

Knapp 50 Meter hoch ist der Uhrenturm von Wittenberge und ein Wahrzeichen der Stadt in der Prignitz.

Der Uhrenturm überragt fast alles in der Stadt: Rund 50 Meter hoch ist der Big Ben von Wittenberge in der Prignitz. Seine Ziffernblätter weisen in alle Himmelsrichtungen – und schlagen mit 7,30 Metern Durchmesser gar den berühmten Kameraden in London um einige Zentimeter. Doch vom Glanz an der Themse ist an der Elbe nichts zu entdecken.

Putz bröckelt von der Fassade, einige Fensterstreben sind verrostet. Um den Turm herum stehen Dutzende Gebäude, zu denen vor allem eine Beschreibung in den Sinn kommt: Ruinen. Dabei war die Fabrik, der der Uhrenturm als Wasserspeicher diente, einmal das Industrie-Herz von Wittenberge.

Zwischen 1904 und 1991 liefen dort nach Angaben der Stadt Millionen von Nähmaschinen vom Band. Zunächst von der Traditionsmarke Singer, nach dem Zweiten Weltkrieg dann unter dem Namen Veritas. "Das Gelände verkörpert das alte Wittenberge als Industriestadt", sagt der Bürgermeister Oliver Hermann (parteilos).

Mit bis zu 3000 Arbeitsplätzen war das Werk zu DDR-Zeiten der größte Arbeitgeber in der Region. "Unser großer Wunsch ist es, das wieder zum Leben zu erwecken." Seit über 13 Jahren stehen die ehemaligen Fabrikbauten unter Zwangsverwaltung.

Die Eigentümerfrage sei unklar, seitdem der einstige Käufer des Werks von der Treuhandanstalt zahlungsunfähig sei, erzählt Hermann. Interessenten habe es immer wieder gegeben. Zu einem Verkauf oder einer Zwangsversteigerung kam es nie. Ganz leer steht das riesige und größtenteils denkmalgeschützte Areal nicht.

"Rund 50 Firmen mit 400 Beschäftigten haben sich hier angesiedelt", sagt der Verwalter Ralf von Hagen. Die Kleinunternehmer arbeiten unter anderem in der Textillogistik, der Oberflächenbeschichtung und der Reinigungsbranche. Von den sechs Stockwerken seien Räume in drei Geschossen vergeben. "Da ist noch sehr viel Potenzial", meint Bürgermeister Hermann. Er setzt neben der wirtschaftlichen Nutzung auch auf den Tourismus.

"Das Veritas-Gelände ist unser großes Sorgenkind aus der alten Zeit", sagt Bürgermeister Hermann. In die alte Ölmühle in Wittenberge seien Hotel und Brauhaus eingezogen, das einstige Zellstoffwerk sei zu einem Gewerbegebiet mit Industriehafen geworden. "Noch kann sich in dem ehemaligen Nähmaschinenwerk nichts entwickeln, weil die Perspektive fehlt." Ein nostalgischer Ansatz wurde im Uhrenturm versucht: Das Stadtmuseum zeigt alte Nähmaschinen und dokumentiert die Geschichte der Fabrik. Die Idee für ein Café mit Blick über die Elbe ist aber schon wieder gestorben. Zum Leidwesen von Lothar Wuttke. Er hat einen großen Teil seines Lebens in dem Nähmaschinenwerk verbracht. 1973 fing er als Arbeiter an. Gemeinsam mit anderen ehemaligen Beschäftigten hat er den "Veritasklub" gegründet, mit dem er an die alte Zeit erinnern will.

Der Blick zurück sei traurig. "Aber klar: Der Bedarf an Nähmaschinen war nicht mehr da." Der Vorschlag des Klubs: Ein Modemuseum würde gut zu dem alten Gelände passen. Die Stadt hat da eine ähnliche Branche im Sinn.

Der Bürgermeister hofft jetzt darauf, dass sich einer der eingemieteten Kleinunternehmer vergrößern möchte. "Textilien würden perfekt an den Industriestandort passen."

Zum Thema:

Der knapp 50 Meter hohe Uhrenturm von Wittenberge war ursprünglich der Wasserturm für die Versorgung der Singer Nähmaschinenfabrik. Gebaut wurde er in den Jahren 1928 und 1929. Bis zu 3000 Menschen arbeiteten in dem Werk, in dem später unter dem Namen Veritas Nähmaschinen für DDR-Bürger hergestellt wurden. Seit dem Produktionsende 1991 stehen große Teile der ehemaligen Fabrik leer – nur einige Kleinunternehmer haben dort ihren Sitz. Die Uhr des Turmes gilt als eine der größten Europas: Ihr Ziffernblatt hat nach Angaben des Stadtmuseums einen Durchmesser von 7,30 Metern – rund 30 Zentimeter mehr als der Big Ben in London. Die großen Zeiger der Wittenberger Uhr sind 3,30 Meter lang, die kleinen 2,25 Meter. Die vier Uhrwerke steuert heute die Atomuhr des Physikalischen Instituts in Braunschweig, indem Funkimpulse die kleinen Elektromotoren in Bewegung setzen. (dpa)

Text: Anja Mia Neumann

Nach oben  Medien, Sächsische Zeitung, 19.07.2013

Adaptation: Henry Kannus

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