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Offizielle Seite des Nähmaschinenwerkes Wittenberge

 

11.12.2014

Veritasklub veröffentlicht letzten Bildband

Nähmaschinen-Tradition aus Wittenberge

Noch bis 1991 waren im Wittenberger Nähmaschinenwerk 3.200 Menschen beschäftigt. Bis heute prägt das Werk die Silhouette der größten Stadt der Prignitz. Der Veritasklub hält das Erbe der Nähmaschine lebendig - jetzt ist der zehnte Bildband "Buchedition Nähmaschinenwerk Wittenberge" erschienen.

Wittenberge. Gerhard Baak ist ein netter älterer Herr, der in Wittenberge stets mit seiner Kamera unterwegs ist. Niemand hielt ihn auch nur eines lauten Wortes für fähig, doch wenn es um sein Werk geht, wird der weißhaarige Prignitzer energisch.

Das Werk prägt Wittenberge bis heute
Sein Werk, das ist das VEB Nähmaschinenwerk Wittenberge. Industrieller Leuchtturm im doppelten Sinne, denn dort arbeiteten bis zur Abwicklung 1991 nicht nur 3200 Menschen, es prägt die Silhouette der größten Stadt der Prignitz bis heute. Als die Treuhand das Werk abwickelte, nahm man nicht nur vielen die Existenz, man riss ihnen quasi das Herz aus der Brust. Es gibt Veritas-Mitarbeiter, die bis heute nie wieder einen Fuß aufs Werksgelände gesetzt haben.

Die Stadt der Nähmaschinen
Doch die Geschichte der "Stadt der Nähmaschinen", wie Wittenberge zu DDR-Zeiten genannt wurde, beginnt viel früher. Die Nachfahren des Industrieellen Isaac Merritt Singer ließen 1904 weltweit Nähmaschinenwerke bauen, eines in Wittenberge. Das Werk förderte die industrielle Entwicklung der Ackerbürgerstadt. Dank Eisenbahnanschluss und günstiger Lage zwischen Berlin und Hamburg wuchs Wittenberge in alle Richtungen.

Im Zweiten Weltkrieg verschont
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Elbe-Stadt zwar bombardiert, aber das Singer-Werk blieb verschont. Laut Lothar Wuttke, Chef des Veritasklubs, war das Werk selbst zur DDR-Zeit Eigentum des amerikanischen Singer-Konzerns. Er verweist zum Beleg für diese These auf einen Grundbuchauszug, den er habe einsehen dürfen. Das Werk soll im Zusatzprotokoll der Konferenz von Jalta erwähnt sein.

Ein Traditionsverein
In der DDR stellten die Arbeiter jedoch keine Singer-Maschinen mehr her, sondern nannten ihre Erzeugnisse "Veritas" und vertrieben sie auch unter dem Namen Naumann. Der Veritasklub ist ein Traditionsverein, er will das Erbe der Nähmaschine lebendig halten. Das geschah in den vergangenen zehn Jahren vor allem durch Bildbände. "Buchedition Nähmaschinenwerk Wittenberge" heißt die im Selbstverlag herausgegebene Chronik. Jetzt ist der zehnte und letzte Band erschienen. Er heißt "Revival". Den Titel ziert das Bild einer jungen Frau, die so gar nichts mit Nähmaschinen, Arbeitern oder Wittenberge zu tun zu haben scheint. Doch Rebekka Bach hat ihre Diplomarbeit über Singer-Nähmaschinen geschrieben. Nun stellt sie Schmuck aus Nähmaschinen-Spulen her.

Ehemalige Betriebsangehörige geraten ins Schwärmen
Dass der letzte Band mit dem englischen Wort für Wiederbelebung betitelt wurde, könnte optimistisch stimmen. Doch der Veritasklub betreibt bestenfalls Geschichtspflege. Wenn sich frühere Werksangehörige treffen, schwärmen sie. "Wir waren schon etwas Besonderes", sagt Lothar Wuttke, und die anderen fallen ein: "Wir hatten eine eigene Verkaufsstelle, eine Sparkasse, ein Betriebsambulatorium, ein Klubhaus, einen Sportverein." Die "Nähmaschine", wie das Werk genannt wird, war eine Stadt in der Stadt.

680 Nähmaschinenarbeiter beteiligten sich an der Buchedition
"3.200 Nähmaschinenwerker gab es, 680 haben an der Buchedition mitgearbeitet", sagt Wuttke. "Acht Millionen Maschinen haben wir produziert, sechs Millionen sind noch in Betrieb." Selbst den Konkurrenten Pfaff habe man in der Kundenwertschätzung abgehängt. Eine Frau, die bis heute Bedienungsanleitungen und Ersatzteile für Veritas-Maschinen besitzt, kann sogar davon leben, Anfragen zu beantworten.

Parteiwissen zählte mehr als fachliche Qualifikation
"Wir waren aber zu schwer und zu laut mit den Maschinen", wirft Gerhard Baak ein. Der Ex-Technologe hätte gern die Forschungsabteilung übernommen, doch: "Ohne Bonbon am Jackett kein Leiter", sagt er. Das Parteiabzeichen zählte oft mehr als Fachwissen. Inzwischen ist Baaks Wissen wieder gefragt. Schüler aus Wittenberge sprachen neulich lange mit ihm darüber, was das Werk einst war. Doch es war nicht alles gut: "Dass wir in der Mittagspause das Betriebsgelände nicht verlassen durften, hat mir nicht gefallen", sagt Gerhard Baak. Umso wuchtiger fiel die "Arbeiterbewegung" nach Schichtschluss aus: In Bataillonsstärke strömten die Radfahrer aus der "Nähmaschine".

Stoff für Legenden
Das Werk bietet Stoff für Legenden: alle Maße sollen auf amerikanischen Inches beruhen. Unter dem Direktorzimmer soll es einen Luftschutzbunker geben. "Die vom Veritaspark könnten uns ruhig mal reinlassen.", findet Gerhard Baak. Zuständigkeiten sind ihm egal: "Das ist mein Werk."

Zehn Bände Prignitzer Industriegeschichte

Zehn Bände umfasst die "Buchedition Nähmaschinenwerk Wittenberge". Das Spektrum reicht von Band 1 "Archive" über "Singer" und "Veritas" in den Bänden drei und vier bis hin zu "Gesellschaft" im Band neun und dem jetzt vorliegenden zehnten Band "Revival".

Am schwersten fiel Lothar Wuttke das Erstellen des vierten Bandes mit dem endgültigen Titel "Abwicklung".

Die Bände sind in Prignitzer Buchhandlungen erhältlich, in anderen gegebenenfalls auf Bestellung.

Text: Andreas König

Nach oben  Medien, Märkische Allgemeine Zeitung, 11.12.2014

Adaptation: Henry Kannus

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