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Offizielle Seite des Nähmaschinenwerkes Wittenberge

 

29.05.2015

Auf den Spuren des Turm-Architekten

Nachfahren Daniel Aschers besuchen mit dem Nähmaschinenwerk Wittenberge einen Meilenstein deutscher Ingenieurskunst.

Wittenberge - Stolz erhebt sich der Uhrenturm des Wittenberger Nähmaschinenwerks über die Elbtalaue. Bei gutem Wetter kann man von dort aus vier Bundesländer sehen. Als ein Wahrzeichen der Elbestadt ist der größte Uhrenturm Kontinentaleuropas weithin bekannt. Doch wer hat das Bauwerk, das ursprünglich als Wasserturm diente, entworfen? Felix Daniel Ascher heißt der Architekt. Der gebürtige Hamburger hat aber nicht nur den imposanten Turm geplant, sondern den gesamten Erweiterungsbau des damals noch unter dem Namen Singer firmierenden Werks in Wittenberge.

Mit dem Großcousin des Architekten, Robert Middelmann und dessen Frau Maryke, hat der Veritasklub Berlin Kontakt aufgenommen. Die beiden Senioren, die in Südafrika leben, werden am 5. Juni die Elbestadt und damit eine der früheren Wirkungsstätten ihres Verwandten besuchen.

Allerdings reichten Felix Aschers Pläne viel weiter. "Der Uhrenturm sollte sozusagen die Mitte eines symmetrischen Gebäudes bilden", sagt Lothar Wuttke vom Veritasklub. Doch dazu sei es nach der Machtergreifung der Nazis nicht mehr gekommen.

Daniel Ascher war auf dem Sprung zum Stararchitekten. Moderne Industriegebäude in Stahlbetonbauweise zu errichten, galt damals ab 1926, in Deutschland noch als völliges Neuland. Doch da die Eigentümer des Wittenberger Werkes, die Chefs der Singer Company aus den USA über das notwendige Wissen verfügten, sollte auch die deutsche Niederlassung nach den damals modernsten Maßstäben errichtet werden.

Ascher, über den in den einschlägigen Architektur-Nachschlagewerken wenig zu finden ist, hat in Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes Spuren hinterlassen. Unter anderem schuf er die Synagoge in Hamburg-Harvesterhude. 1953 kaufte der Norddeutsche Rundfunk das Gebäude.

In Wittenberge saß der Architekt lange an den Vorbereitungen für den Erweiterungsbau nebst Turm. Von 1922 bis 1926 entwarf er die Pläne für den Fabrikbau, der "den Stahlbetonbau in Deutschland revolutionieren sollte", wie Martin Wuttke sagt. Das Gebäude des später als VEB Veritas weiter produzierenden Werks steht heute unter Denkmalschutz sowie auf der Liste "Hervorragende Bauwerke der Ingenieurbaukunst in Deutschland".

Von 1926 bis 1929 wurde der Erweiterungsbau im Grunde soweit vollendet, wie er heute zu sehen ist. Fortsetzen konnte Felix Ascher sein Werk nicht mehr. Nachdem er als Jude auf Betreiben der braunen Machthaber immer weniger Aufträge erhielt, emigrierte er 1938 nach London. Das war sicher keinen Deut zu früh. Seine Mutter Emilie, seine Schwester Alice und deren Lebensgefährtin Margot Doctor wurden wie Millionen jüdischer Menschen von den Nazis ermordet. Heute erinnern Stolpersteine in Hamburg an die Mitglieder der Familie Ascher.

Der Besuch aus Südafrika wird die frühere Wirkungsstätte Felix Aschers, das Nähmaschinenwerk, besichtigen, ebenso das Stadtmuseum, das viel Wissenswertes zur Geschichte der Nähmaschine vermittelt. Weitere Stationen sind Berlin, Leipzig und Dresden.

Text: Andreas König

Nach oben  Medien, Märkische Allgemeine Zeitung, 29.05.2015

Adaptation: Henry Kannus

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