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Offizielle Seite des Nähmaschinenwerkes Wittenberge

 

18.12.2017

Arbeiterreliefs grüßen mit dem Rücken

Das Werkstor des ehemaligen Singer- später Veritas-Nähmaschinenwerks in Wittenberge fällt auf mit seinen Reliefdarstellungen verschiedener Berufe. Die Arbeiten stammen aus der Hand des Hamburger Bildhauers Ludwig Kunstmann. Dass einige der Figuren dem Besucher den Rücken zuwenden, liegt an einem Eisenbahnunfall, der sich Anfang der 1980er Jahre ereignete.

Wittenberge Das Singer-Nähmaschinenwerk in Wittenberge war schon immer ein besonderer Ort. Der zu DDR-Zeiten in VEB Veritas Nähmaschinenwerk Wittenberge umbenannte Betrieb war eine Gründung des amerikanischen Singer-Konzerns. Die Architektur, die Maße und die gesamte Anlage der Gebäude folgen amerikanischen Vorgaben und sind daher in mehr als einem Sinne untypisch für Deutschland und das Land Brandenburg.

Tor zeigt 18 figürliche Darstellungen typischer Berufe

Heute beherbergt das riesige Werksgelände das Oberstufenzentrum (OSZ) Prignitz und den Veritaspark als Gewerbegebiet. Der ehemalige Werkseingang ist durchaus als repräsentativ, ja sogar als künstlerisch wertvoll zu betrachten. 18 figürliche Darstellungen von typischen Berufen im einstigen Singer-Nähmaschinenwerk sind zu sehen. Der nicht eingeweihte Betrachter mag sie für Zeugen des sozialistischen Realismus halten, doch dazu fehlt dann doch der gewisse Schuss Heroismus und Pathos, der den Darstellungen der „Helden der Arbeit" eigentümlich war.

Schöpfer des Elefanten am Brahms-Kontor wirkte in Wittenberge

Die Flachreliefs stammen aus der Zeit des Nationalsozialismus. Geschaffen hat sie der in Regensburg geborene und vorwiegend in Hamburg tätige Bildhauer Ludwig Kunstmann. Zu seinen bekannten Werken gehört der Bronzeelefant "Anton" mit Reiter vor dem heutigen Brahms-Kontor in Hamburg, die Skulptur "Eisbär II" im Hamburger Stadtpark und viele weitere Arbeiten, vorwiegend an repräsentativen Firmensitzen.

Veritasklub recherchierte zu Ludwig Kunstmann

Zwar scheint die Online-Enzyklopädie Wikipedia das Werk Kunstmanns auf den ersten Blick lückenlos aufzuführen, doch seine Arbeit für den Singer-Konzern fehlt völlig. Diese Lücke schloss bereits vor über zehn Jahren der Mitteldeutsche Rundfunk mit einem Radiofeature über das Werkstor. Entscheidend zu seinem Gelingen hat der Veritasklub Wittenberge und Lothar Wuttke beigetragen. "Allerdings fehlten im damaligen Beitrag wesentliche Angaben zum Schöpfer des Werkstors", berichtet Wuttke. Inzwischen gibt es weitere Erkenntnisse. Demnach wurde ab Juni 1936 ein Verbindungsbau zwischen Hauptbüro (dem alten Verwaltungsgebäude) und der Gießerei errichtet und gleichzeitig das Putzereigebäude aufgestockt sowie das bisherige Hauptbüro umgestaltet. Das so entstandene neue Fabriktor erhielt drei Durchgänge, die je 5,45 Meter breit und 4,80 Meter hoch waren und mit schmiedeeisernen Toren verschlossen wurden.

Nähmaschinenwerker hatten selbst die Idee

Die Flachreliefs sind nach dem Vorbild realer Personen gestaltet worden. Bevor die Atelierarbeiten bei Ludwig Kunstmann in Hamburg begannen, ging man auf Motivsuche im Wittenberger Singer-Werk. Die Idee dazu kam von den Nähmaschinenwerkern selbst. Etwa fünfzig Aufnahmen wurden insgesamt angefertigt. Dreißig davon kamen in die engere Wahl und wurden in der Plastikgröße als Kohlezeichnung dargestellt. Hiervon wurden achtzehn als die Geeignetsten ausgewählt", heißt es im Dossier des Veritasklubs. Entstanden sind die Figuren, die folgende Berufe darstellen: Techniker, Chemiker, Maschinist, Former, Gießer, Schleifer am Nahmaschinenoberteil, Mann an der Bohrmaschine, Frau mit Frontplatten am Vernickelungsbad, Schmied am Amboss, Kaufmann, Bürogehilfin, Lehrenprüfer, Mann an der Kreissäge, Tischler mit Hobel, Ankerwicklerin, Schlosser am Schraubstock, Schlosser bei der Nahmaschinenmontage, Torwächter mit Warnfahne sowie Lokomotive.

Einige Figuren zeigen dem Betrachter den Rücken

Allerdings schauen bei genauer Betrachtung einige der Figuren mit dem Rücken zur Straße und dem Gesicht ins Werk, während die große Mehrheit der in Schmiedeeisen verewigten Kollegen ihr Antlitz der Straße und damit den Besuchern zuwendet. „Anfang der 1980er Jahre gab es einen Zwischenfall erinnert sich Lothar Wuttke. "Zwei Lokführer, welche die Werkslok fuhren, hatten einen über den Durst getrunken und waren mit Karacho gegen das Tor gefahren." Das wurde aus den Angeln gerissen, wobei jedoch die Figuren so gut wie unbeschadet blieben. Weil man zu jener Zeit nicht in der Lage war, das Kunstwerk zu restaurieren, ja nicht einmal eine neue Verankerung zu erstellen hängte man die Tore kurzerhand spiegelverkehrt ein. Das durstige Personal der Betriebsbahn wurde strengstens ermahnt, erinnert sich Lothar Wuttke noch.

Figuren sind vom Zahn der Zeit angenagt

Mittlerweile nagt der Zahn der Zeit merklich an den Figuren. Der Veritasklub hat daher vorsorglich sein Dossier dem brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege zukommen lassen. Das OSZ Prignitz und damit das Gebäude gehört dem Landkreis Prignitz.

Text: Andreas König

Nach oben  Medien, Märkische Allgemeine Zeitung, 18.12.2017

Adaptation: Nicolas Wendler

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