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Offizielle Seite des Nähmaschinenwerkes Wittenberge

 

20.07.2019

Die Suche nach Singer-Spuren

Kirsten Dabels erkundet das Wirken ihres Urgroßvaters und ihres Großvaters im Nähmaschinenwerk und in Wittenberge.

Wittenberge Wie oft werden wohl mein Urgroßvater Willi Starcke, meine Großeltern Elfriede und Walter Melle hier an der Elbe gestanden haben? Diese Frage blieb für Kirsten Dabels bei ihrer dreitägigen Suche nach Spuren ihrer Familie unbeantwortet. Aber sie fand im Wittenberger Stadtmuseum, im Uhrenturm, am Singer Haus und in Breese noch viel Interessantes über das Wirken ihres Urgroßvaters heraus, der als Direktor das Singer-Werk zur erfolgreichsten und modernsten Nähmaschinenfabrik Deutschlands entwickelte. Und über ihren Großvater Walter Melle, der ebenfalls in diesem Betrieb arbeitete und dort unter anderem die Produktion von Haushaltsnähmaschinen verantwortete.

Das Betriebsgelände ist eine kleine Überraschung für sie, in den Familienalben gab es nur eine Draufsicht auf das Werk. Besonders der Uhrenturm beeindruckt sie. Auch weil im Inneren zahlreiche alte Singer-Nähmaschinen zu sehen sind. "So ein historisches Stück habe ich auch zu Hause in Düsseldorf", verrät sie.

Von Lothar Wuttke vom Veritasklub lässt sie sich die Betriebsgeschichte und die Maschinen erklären, die Werkssiedlung und weitere Singer-Aktivitäten in Wittenberge und Breese, aber auch die Werksentwicklung nach 1945. Dabei interessierte Kirsten Dabels besonders, warum in Wittenberge keine Nähmaschinen mehr produziert werden. Singer habe nach 1990 kein Interesse an der Fortführung der Produktion gehabt und heute sei die chinesische Konkurrenz einfach zu stark, erläutert Lothar Wuttke.

Den Anstoß für Kirsten Dabels, sich intensiver mit ihrer Familiengeschichte, dem früheren Singer-Werk und Wittenberge zu beschäftigen, gab ein trauriges Ereignis. Im September 2018 starb ihre Mutter Christa Mittag. "Ich fand in ihrem Nachlass eine Kladde, in der meine Großmutter Elfriede Melle ihr in Briefform von der Verhaftung ihres Mannes Walter Melle und seines Schwiegervaters Willi Starcke durch sowjetische Soldaten erzählte", erläutert Kirsten Dabels. "Erzählt hatte sie mir diese Geschichte früher schon oft. Aber sie jetzt nochmals nachzulesen, löste viel intensivere Gefühle aus. Meine Großmutter war so froh gewesen, dass beide Männer den Krieg überstanden hatten und dann die Haft, das war ein großer Schock. Die Schilderungen meiner Großmutter haben mich so berührt, dass ich überlegte, daraus ein Buch zu machen", sagt Kirsten Dabels.

Elfriede Melle wartete dann 1945 noch einige Zeit ab, ob sich das politische Klima für ihre Familie verbessern würde. Da dies nicht geschah, verließ sie mit den Verwandten Wittenberge in Richtung Rheinland. Walter Melle und Willi Starcke verstarben in der Haft. Christa Mittag kam noch mehrfach zu Klassentreffen nach Wittenberge.

Der Tod der Mutter fiel für Kirsten Dabels mit einer beruflichen Neuorientierung zusammen. Lange war sie als Assistentin der Geschäftsführung in einem internationalen Unternehmen tätig. In dieser Findungsphase entschloss sie sich auch, zum dritten Mal Station in Wittenberge zu machen. Und erstmals mit Lothar Wuttke vom Veritasklub auch das frühere Werksgelände und einige andere Orte zu erkunden, die mit Singer, ihrem Urgroßvater und den Großeltern zu tun haben.

"1980 war ich als 14-Jährige mit der Großmutter und der Familie in der Stadt, habe daran aber nur noch wenige Erinnerungen. 2008 war ich nochmals in Wittenberge, da hatte sich schon viel verändert", erzählt Kirsten Dabels. Eine Verbindung zur Stadt unterhielt sie zwei Jahrzehnte lang über ihren Briefpartner Ralf Podiebrad.

Text: Ronald Ufer

Nach oben  Medien, Der Prignitzer, 20.07.2019

Adaptation: Björn Ruder

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